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Exilby bei Rückenschmerzen: Was das neue Cannabis-Medikament wirklich kann

Makroaufnahme einer Cannabisblüte mit zahlreichen glänzenden, gestielten Trichomen; Infografik-Overlays markieren THC, CBD und CBN mit stilisierten Molekülschemata.
Tobias

Exilby ist seit September 2026 in Deutschland erhältlich – und das Präparat ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Es ist kein klassisches CBD Öl und auch keine Cannabisblüte, sondern ein verschreibungspflichtiges, standardisiertes Cannabis-Arzneimittel mit einem klar definierten Einsatzgebiet: chronische Schmerzen im unteren Rücken mit radikulärer beziehungsweise neuropathischer Komponente. Genau für diese Patientengruppe wurden große klinische Studien durchgeführt.

Seit ich mich aufgrund eigener Erfahrungen mit Wirbelsäulenproblemen intensiv mit Cannabis, Cannabinoiden und Schmerztherapie beschäftige, sehe ich bei kaum einem Thema so viele Missverständnisse wie hier. Auf der einen Seite wird Cannabis noch immer pauschal als Rauschmittel betrachtet. Auf der anderen Seite wird manchmal so getan, als sei jede Form von Cannabis automatisch eine wirksame Schmerztherapie. Beides greift zu kurz.

Exilby ist deshalb spannend, weil sich an diesem Präparat sehr gut zeigen lässt, wo die Cannabismedizin inzwischen steht: deutlich näher an klassischer Arzneimittelforschung als noch vor einigen Jahren – aber trotzdem mit offenen Fragen, Nebenwirkungen und Grenzen.

Was ist Exilby?

Exilby ist eine Flüssigkeit zum Einnehmen des Münchner Unternehmens Vertanical. Der Wirkstoff ist ein standardisierter Dickextrakt aus den Blüten einer bestimmten Cannabis-sativa-Linie mit der Bezeichnung DKJ127. Ein Milliliter enthält 19 mg Delta-9-Tetrahydrocannabinol, kurz THC. Eine Dosiereinheit entspricht 2,5 mg THC.[1]

Das Medikament ist als Monotherapie zugelassen für Erwachsene mit chronischen Schmerzen im unteren Rückenbereich mit radikulärer beziehungsweise neuropathischer Komponente, wenn Nicht-Opioid-Schmerzmittel wie Ibuprofen, Diclofenac oder Metamizol nicht ausreichend gewirkt haben oder nicht eingesetzt werden können.[1][2]

Damit ist die Zulassung deutlich enger, als der Satz „Cannabis gegen Rückenschmerzen“ vermuten lässt. Exilby ist nicht für jeden unspezifischen Kreuzschmerz gedacht. Entscheidend ist die neuropathische Komponente – also ein Schmerzanteil, der mit gereizten oder geschädigten Nerven zusammenhängt.

Typische Hinweise auf eine neuropathische Komponente

  • brennende oder elektrisierende Schmerzen
  • Kribbeln oder Taubheitsgefühle
  • nadelschmerzartige Empfindungen
  • ins Bein ausstrahlende Beschwerden
  • eine Kombination aus Rückenschmerz und neurologisch anmutenden Missempfindungen

Ob tatsächlich eine radikuläre oder neuropathische Schmerzkomponente vorliegt, sollte ärztlich beurteilt werden. Gerade bei Rückenschmerzen macht die genaue Einordnung einen großen Unterschied, weil muskuläre, entzündliche, mechanische, neuropathische und sogenannte noziplastiche Schmerzen unterschiedliche therapeutische Ansätze erfordern können.

Exilby ist vor allem ein THC-Medikament – kein CBD-Produkt

Dieser Punkt ist besonders wichtig. In der öffentlichen Wahrnehmung werden Cannabis, CBD und THC häufig vermischt. Pharmakologisch sind das aber sehr unterschiedliche Dinge.

Der in den Phase-III-Studien untersuchte Vollspektrumextrakt VER-01 enthielt pro Dosiereinheit 2,5 mg THC, 0,1 mg CBG und nur 0,02 mg CBD. Hinzu kamen Terpene, Flavonoide, Carotinoide, Phytosterole und weitere Pflanzenbestandteile.[3][4]

Bestandteil pro untersuchter Dosiereinheit Menge
THC 2,5 mg
CBG 0,1 mg
CBD 0,02 mg
Weitere Bestandteile u. a. Terpene und Flavonoide

Das heißt sehr klar: Die Exilby-Studien sind kein Wirksamkeitsnachweis für CBD Öl bei Rückenschmerzen. Dafür ist der CBD Anteil viel zu gering. Wer die Ergebnisse auf frei verkäufliche CBD Produkte überträgt, zieht eine Schlussfolgerung, die die Studien nicht hergeben.

Genauso wenig beweisen die Daten, dass CBD grundsätzlich wirkungslos wäre. Die Forschung zu CBD bei verschiedenen Schmerzformen läuft weiter. Der aktuelle Cochrane-Review zu cannabisbasierten Arzneimitteln bei chronischen neuropathischen Schmerzen kommt jedoch zu einer vorsichtigen Einschätzung: Insgesamt ist die Evidenz weiterhin zu unsicher, um zuverlässig zu sagen, ob der Nutzen die möglichen Schäden überwiegt.[5]

Warum kann Cannabis Schmerzen überhaupt beeinflussen?

Unser Körper besitzt ein eigenes Endocannabinoid-System. Dazu gehören unter anderem die Cannabinoidrezeptoren CB1 und CB2 sowie körpereigene Botenstoffe. CB1-Rezeptoren spielen vor allem im zentralen Nervensystem eine Rolle, CB2-Rezeptoren finden sich unter anderem in Zellen des Immunsystems.

THC kann diese Signalwege beeinflussen. Vereinfacht gesagt verändert es die Verarbeitung und Weiterleitung von Schmerzsignalen – nicht nur an einer Stelle, sondern auf mehreren Ebenen des Nervensystems. Das unterscheidet Cannabinoide beispielsweise von klassischen nichtsteroidalen Entzündungshemmern, die vor allem über die Hemmung der Prostaglandinbildung wirken.

Gerade bei neuropathischen Schmerzen ist dieser Ansatz pharmakologisch interessant. Trotzdem gilt: Ein plausibler Wirkmechanismus ist noch kein klinischer Wirksamkeitsnachweis. Dafür braucht es kontrollierte Studien. Und genau hier unterscheidet sich Exilby von vielen früheren Cannabisprodukten.

Die große Phase-III-Studie: 820 Erwachsene im Placebovergleich

Die wichtigste Untersuchung wurde 2025 in Nature Medicine veröffentlicht. In die randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Phase-III-Studie wurden 820 Erwachsene mit chronischen Schmerzen im unteren Rücken aufgenommen. 394 erhielten VER-01, 426 ein Placebo.[3]

Der primäre Endpunkt war die Veränderung der mittleren Schmerzintensität auf einer numerischen Skala von 0 bis 10.

Nach 12 Wochen Veränderung der Schmerzintensität
VER-01 −1,9 Punkte
Placebo −1,4 Punkte
Unterschied zwischen den Gruppen −0,6 Punkte

Der Unterschied war statistisch signifikant.[3] Gleichzeitig sollte man die Zahl nicht größer machen, als sie ist: 0,6 Punkte Unterschied auf einer Zehnerskala sind im Durchschnitt kein dramatischer Effekt.

Das ist einer der Punkte, an denen sich die Bewertung der Studie trennt. Die Studie hat ihren primären Endpunkt erreicht. Ob die mittlere Differenz für jeden einzelnen Patienten klinisch relevant ist, ist eine andere Frage. Chronische Schmerztherapie ist ohnehin selten eine Geschichte von „wirkt“ oder „wirkt nicht“. Mittelwerte verbergen, dass manche Menschen deutlich stärker profitieren und andere kaum.

Interessant ist besonders die neuropathische Untergruppe

Bei Teilnehmern mit einer ausgeprägten neuropathischen Schmerzkomponente wurde zusätzlich der Neuropathic Pain Symptom Inventory, kurz NPSI, ausgewertet. Hier zeigte sich ebenfalls ein Vorteil zugunsten von VER-01. Die mittlere Differenz gegenüber Placebo betrug 7,3 Punkte.[3]

Das ist wichtig, weil genau diese Schmerzcharakteristik heute im zugelassenen Anwendungsgebiet von Exilby im Mittelpunkt steht.

Was passierte bei längerer Einnahme?

Nach der zwölfwöchigen placebokontrollierten Phase folgte eine offene Verlängerung. Die Schmerzwerte sanken bei den weiter behandelten Teilnehmern gegenüber dem ursprünglichen Ausgangswert weiter. In dieser Phase lag die mittlere Reduktion bei rund 2,9 Punkten.[3]

Diese Zahlen wirken zunächst stärker. Methodisch muss man sie aber vorsichtiger lesen: In einer offenen Verlängerungsphase wissen die Teilnehmer, dass sie den Wirkstoff erhalten. Außerdem bleiben in Langzeitstudien typischerweise eher diejenigen dabei, die eine Therapie gut vertragen oder einen Nutzen wahrnehmen.

Auch die spätere randomisierte Absetzphase war nicht in allen Punkten eindeutig. Der primäre Endpunkt „Zeit bis zum Therapieversagen“ wurde nicht statistisch signifikant erreicht. Nach dem Wechsel auf Placebo nahm die Schmerzintensität allerdings stärker zu als bei fortgesetzter Behandlung.[3]

Das Gesamtbild ist deshalb interessant, aber nicht makellos: Es gibt klare positive Signale, gleichzeitig auch Ergebnisse, die zur Zurückhaltung bei sehr großen Versprechen mahnen.

Exilby im direkten Vergleich mit Opioiden

Eine zweite Phase-III-Studie ist für die praktische Schmerztherapie mindestens ebenso interessant. 384 Erwachsene mit chronischen Rückenschmerzen wurden randomisiert entweder mit VER-01 oder mit individuell ausgewählten Opioiden behandelt. Dazu gehörten je nach ärztlicher Entscheidung unter anderem Tramadol, Tilidin/Naloxon, Tapentadol, Oxycodon, Hydromorphon, Morphin, Fentanyl oder Buprenorphin.[4]

Die Studie war pragmatisch angelegt und offen, also nicht verblindet. Das ist näher am klinischen Alltag, erhöht aber auch die Gefahr von Erwartungs- und Beurteilungseffekten.

Der primäre Endpunkt war nicht die Schmerzreduktion, sondern die opioidtypische Nebenwirkung Verstopfung. Hier war der Unterschied deutlich: Unter VER-01 war das Risiko für neu auftretende Verstopfung etwa viermal niedriger als unter Opioiden. Auch Abführmittel wurden deutlich seltener benötigt.[4]

Und bei der Schmerzintensität?

Über 6 Monate Mittlere Schmerzreduktion
VER-01 2,50 Punkte
Opioide 2,16 Punkte
Mittlere Differenz 0,34 Punkte zugunsten von VER-01

Die longitudinale Auswertung über den gesamten Behandlungszeitraum zeigte einen statistischen Vorteil für VER-01. Betrachtete man nur den Endzeitpunkt in Woche 27, waren die Unterschiede in den sekundären Schmerz-Endpunkten allerdings nicht signifikant.[4]

Auch beim Schlaf zeigte sich über den Verlauf ein kleiner Vorteil zugunsten des Cannabisextrakts. Das ist bei chronischen Schmerzen relevant, denn schlechter Schlaf kann Schmerzempfindlichkeit, Erschöpfung und Belastbarkeit zusätzlich verschlechtern.

Bedeutet das: Cannabis statt Opioide?

So weit würde ich derzeit nicht gehen.

Die Daten zeigen, dass ein standardisierter, THC-dominanter Cannabisextrakt bei der untersuchten Patientengruppe eine relevante Behandlungsoption sein kann. Im direkten Vergleich war die Schmerzreduktion mindestens vergleichbar und im longitudinalen Verlauf etwas stärker, während Verstopfung deutlich seltener auftrat.[4]

Das bedeutet aber nicht, dass Exilby für jeden Patienten besser als ein Opioid ist. Opioide unterscheiden sich stark, Patienten unterscheiden sich stark – und auch THC bringt ein eigenes Nebenwirkungsprofil mit.

Wichtig ist deshalb nicht die Frage „Cannabis oder Opioid?“ als ideologische Entscheidung. Entscheidend ist, welches Arzneimittel bei einem konkreten Patienten den besten Kompromiss aus Schmerzlinderung, Funktion, Schlaf, Nebenwirkungen und langfristiger Sicherheit bietet.

Nebenwirkungen: THC bleibt pharmakologisch wirksam

Exilby ist ein Medikament mit Wirkung – und deshalb auch mit Nebenwirkungen.

Laut Fachinformation gehören Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, Schläfrigkeit und Übelkeit zu den sehr häufigen unerwünschten Wirkungen. Häufig werden unter anderem Mundtrockenheit, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen, Gleichgewichtsstörungen, Hypotonie, Angst, Verwirrtheit, Palpitationen, Fatigue und ein Gefühl des Betrunkenseins genannt.[1]

In den klinischen Daten traten zudem seltenere, aber ernst zu nehmende psychiatrische Ereignisse auf, darunter Halluzinationen und Suizidgedanken. Die Fachinformation nennt deshalb klare Gegenanzeigen und Vorsichtsmaßnahmen, insbesondere bei bestimmten psychiatrischen Vorerkrankungen.[1]

Auch Abhängigkeit sollte nicht verharmlost werden

In den klinischen Studien wurden keine eindeutigen Hinweise auf Missbrauch, Abhängigkeit oder Entzug gefunden. Das ist positiv. Trotzdem warnt die Fachinformation ausdrücklich davor, daraus abzuleiten, THC sei grundsätzlich frei von Abhängigkeitspotenzial.

Bei wiederholter Anwendung THC-haltiger Arzneimittel können sich Toleranz und psychische Abhängigkeit entwickeln. Das Risiko steigt unter anderem bei höheren Dosen, längerer Anwendung und einer persönlichen oder familiären Vorgeschichte von Substanzgebrauchsstörungen.[1]

Beide Aussagen können gleichzeitig stimmen: In den Studien zeigte sich kein entsprechendes Signal – trotzdem bleibt das bekannte pharmakologische Risiko von THC bestehen.

Wer Exilby nicht oder nur mit besonderer Vorsicht anwenden sollte

Exilby ist unter anderem kontraindiziert bei Minderjährigen, während Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei bestimmten schweren psychiatrischen Erkrankungen beziehungsweise entsprechender Anamnese oder Familienanamnese.[1][2]

Besondere Vorsicht ist beispielsweise angebracht bei:

  • schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Epilepsie oder wiederkehrenden Krampfanfällen
  • Leber- oder Nierenfunktionsstörungen
  • einer Vorgeschichte mit Substanzmissbrauch
  • gleichzeitiger Einnahme zentral dämpfender Medikamente

Alkohol kann die zentralnervösen Wirkungen von THC zusätzlich verstärken. Auch Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln müssen berücksichtigt werden. Deshalb gehört ein THC-haltiges Arzneimittel in ärztliche Begleitung – gerade bei Patienten, die bereits mehrere Medikamente einnehmen.

Wie wird Exilby dosiert?

Die Dosierung folgt dem Grundsatz „niedrig beginnen, langsam steigern“. Gestartet wird mit einer Dosiereinheit am Abend, entsprechend 2,5 mg THC. Bei ausreichender Verträglichkeit wird die Dosis nach einem festen Schema schrittweise erhöht. Die Titrationsphase kann bis zu drei Wochen dauern.[1]

Die maximale Tagesdosis beträgt 13 Dosiereinheiten beziehungsweise 32,5 mg THC: sechs Einheiten morgens und sieben abends.[1]

Ein interessanter praktischer Punkt: Nahrung verändert die Bioverfügbarkeit. Exilby soll deshalb konsequent entweder mit oder ohne Mahlzeit eingenommen werden, damit die THC-Exposition möglichst gleichmäßig bleibt.[1]

Die Zieldosis ist nicht automatisch die Höchstdosis. Entscheidend ist die niedrigste Dosis, bei der eine ausreichende Symptomlinderung erreicht wird, ohne dass nicht tolerierbare Nebenwirkungen auftreten.

Was bedeutet „Vollspektrumextrakt“?

Exilby beziehungsweise der in den Studien verwendete Extrakt enthält nicht ausschließlich isoliertes THC. Neben THC finden sich kleine Mengen weiterer Cannabinoide sowie Terpene, Flavonoide und andere Pflanzenbestandteile.[3][4]

Damit kommt automatisch der Begriff „Entourage-Effekt“ ins Spiel. Gemeint ist die Hypothese, dass verschiedene Bestandteile der Cannabispflanze sich gegenseitig in ihrer Wirkung beeinflussen könnten.

Biologisch ist das plausibel. Klinisch ist aber nicht sauber belegt, welcher zusätzliche Nutzen durch die Begleitstoffe gegenüber einer vergleichbaren THC-Dosis allein entsteht. Die Exilby-Studien zeigen, dass dieser definierte Extrakt als Ganzes wirksam war. Sie zeigen nicht, welchen Anteil CBG, CBD oder einzelne Terpene daran hatten. In unserem Shop verkaufen wir ebenfalls Vollspektrum CBD Öle, die aber weder verschreibungspflichtig noch medizinprodukte sind.  

Warum Exilby nicht mit Cannabisblüten gleichgesetzt werden kann

Ein wesentlicher Vorteil standardisierter Arzneimittel ist die Reproduzierbarkeit. Bei Exilby ist festgelegt, welche THC-Menge pro Milliliter und pro Dosiereinheit verabreicht wird. Die klinischen Studien beziehen sich genau auf dieses Präparat und dieses Dosierungskonzept.

Bei Cannabisblüten unterscheiden sich Cannabinoid- und Terpenprofile dagegen je nach Sorte und Produkt erheblich. Zusätzlich beeinflussen Inhalationstechnik, Verdampfungstemperatur und Zugverhalten die tatsächlich aufgenommene Dosis.

Deshalb kann man aus positiven Exilby-Daten nicht ableiten, dass jede THC-reiche Blüte dieselbe Wirkung oder Sicherheit besitzt.

Wie passt Exilby zur insgesamt zurückhaltenden Cannabis-Evidenz?

Auf den ersten Blick wirkt es widersprüchlich: Eine große Phase-III-Studie ist positiv, gleichzeitig kommt Cochrane bei cannabisbasierten Arzneimitteln gegen chronische neuropathische Schmerzen insgesamt zu einer sehr vorsichtigen Bewertung.[5]

Der Widerspruch löst sich auf, wenn man genauer hinsieht. „Cannabis“ ist kein einzelnes Medikament. Untersucht wurden über die Jahre sehr unterschiedliche Präparate: THC-dominante Produkte, THC/CBD-Kombinationen, CBD dominante Produkte, Sprays, Kapseln, Extrakte und andere Darreichungsformen.

Das macht pauschale Aussagen schwierig. Genau deshalb ist die Entwicklung standardisierter Arzneimittel ein Fortschritt: Man kann viel genauer sagen, welches Präparat in welcher Dosis bei welcher Patientengruppe geprüft wurde.

Die wichtigste Konsequenz aus Exilby lautet für mich deshalb nicht „Cannabis wirkt gegen Schmerzen“, sondern viel präziser: Ein definierter, THC dominanter Vollspektrumextrakt hat bei einer klar eingegrenzten Gruppe von Patienten mit chronischen unteren Rückenschmerzen in Phase-III-Studien einen messbaren Nutzen gezeigt.

Was bedeutet das für CBD?

Für CBD ist die wichtigste Aussage fast genauso relevant wie für THC: Die Wirkstoffe sollten nicht miteinander verwechselt werden.

Exilby enthält pro untersuchter Dosiereinheit nur 0,02 mg CBD. Die beobachtete Wirkung kann deshalb nicht als Beleg für handelsübliche CBD Öle interpretiert werden.[3][4]

CBD wirkt pharmakologisch anders als THC und bindet nicht in gleicher Weise an CB1-Rezeptoren. Es werden verschiedene mögliche Wirkmechanismen untersucht, unter anderem Einflüsse auf Entzündungsprozesse, neuronale Signalwege, Stressverarbeitung und weitere Rezeptorsysteme.

Bei chronischen Schmerzen ist die klinische Datenlage für CBD jedoch weiterhin heterogen. Kleine positive Studien existieren, gleichzeitig fehlt für viele Schmerzindikationen ein belastbarer Nachweis aus großen, hochwertigen Studien. Wer CBD verwendet, sollte deshalb zwischen persönlicher Erfahrung, biologischer Plausibilität und medizinischem Wirksamkeitsnachweis unterscheiden.

Neue Regeln für medizinisches Cannabis seit Juli 2026

Exilby kommt zu einem Zeitpunkt auf den Markt, an dem sich die Erstattungsregeln für medizinisches Cannabis in Deutschland deutlich verändert haben.

Seit Ende Juli 2026 können getrocknete Cannabisblüten nicht mehr zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden. Standardisierte Cannabisextrakte sowie bestimmte cannabinoidhaltige Arzneimittel bleiben dagegen unter den gesetzlichen Voraussetzungen erstattungsfähig.[7][8]

Für neue Cannabistherapien sieht die gesetzliche Regelung zudem grundsätzlich zunächst einen sechsmonatigen Therapieversuch mit einem cannabishaltigen Fertigarzneimittel vor. Die KBV weist darauf hin, dass nach ihrer aktuellen rechtlichen Auslegung zunächst ein solches Fertigarzneimittel eingesetzt werden soll; bei fehlender Wirkung oder Unverträglichkeit kann die Therapie auch vorher beendet und auf andere erstattungsfähige Cannabisformen gewechselt werden.[7]

Damit hat ein Präparat wie Exilby nicht nur medizinische, sondern auch gesundheitspolitische Bedeutung.

Was kostet Exilby?

Zum Marktstart lag der gelistete Apothekenverkaufspreis für 28 ml bei 745,39 Euro. Eine Flasche enthält bei 19 mg THC pro Milliliter insgesamt 532 mg THC. Daraus ergibt sich rechnerisch ein Preis von rund 1,40 Euro pro Milligramm THC.[9]

Ein reiner Milligramm-Preisvergleich hat allerdings Grenzen. Andere Cannabisarzneimittel besitzen andere Zusammensetzungen, Zulassungen und Dosierungskonzepte. Entscheidend ist letztlich nicht der Preis pro Milligramm, sondern das Verhältnis aus therapeutischem Nutzen, notwendiger Tagesdosis, Nebenwirkungen und Erstattung.

Der endgültige Erstattungsbetrag steht derzeit noch nicht fest. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat das Nutzenbewertungsverfahren am 1. September 2026 begonnen. Die Veröffentlichung der Nutzenbewertung ist für den 1. Dezember 2026 vorgesehen, die Beschlussfassung für Mitte Februar 2027.[6]

Wie unabhängig sind die Studien?

Auch das gehört zu einer sauberen Einordnung: Die großen VER-01-Studien wurden von Vertanical finanziert. Beim Opioidvergleich war der Hersteller am Studiendesign beteiligt, die Datenerfassung und statistische Analyse erfolgten laut Publikation durch eine unabhängige Clinical Research Organization. Bei der placebokontrollierten Studie wurden ebenfalls Verbindungen zwischen Sponsor und Studienorganisation transparent offengelegt.[3][4]

Eine industriefinanzierte Studie ist nicht automatisch schlecht. Randomisierung, Placebokontrolle, große Teilnehmerzahlen und Veröffentlichung in Fachzeitschriften sind starke Qualitätsmerkmale. Finanzierungsquellen und Interessenkonflikte sollten trotzdem immer mitgelesen werden.

Meine Einordnung: Warum Exilby trotzdem ein wichtiger Schritt ist

Nach Jahren, in denen bei medizinischem Cannabis sehr viel über Erfahrungsberichte, kleine Studien und schwer vergleichbare Produkte diskutiert wurde, ist Exilby ein Schritt in Richtung klassischer evidenzbasierter Arzneimitteltherapie.

Das Präparat ist standardisiert. Es gibt ein definiertes Dosierungsschema. Es gibt große randomisierte Studien. Es gibt ein klares Anwendungsgebiet und eine reguläre Arzneimittelzulassung.

Das ist deutlich mehr Evidenz, als für viele Cannabisprodukte bisher vorhanden war.

Gleichzeitig sollte man die Erwartungen realistisch halten. Der Vorteil gegenüber Placebo lag im Durchschnitt bei 0,6 Punkten auf einer Zehnerskala. Die Langzeitdaten sind methodisch weniger robust als die kontrollierte Anfangsphase. THC kann Schwindel, Müdigkeit, kognitive Beeinträchtigungen und psychiatrische Nebenwirkungen verursachen – und es besitzt grundsätzlich ein Abhängigkeitspotenzial.

Für einen Teil der Patienten kann trotzdem bereits eine moderate Schmerzreduktion sehr relevant sein, besonders wenn sich gleichzeitig Schlaf, Bewegung und Alltag verbessern und andere Medikamente schlecht wirken oder nicht vertragen werden.

Genau darin sehe ich den eigentlichen Fortschritt: nicht in der Behauptung, Cannabis sei ein Wundermittel, sondern in der Möglichkeit, immer genauer zu bestimmen, welches Cannabinoid beziehungsweise welcher Extrakt, in welcher Dosis, bei welcher Erkrankung und bei welchem Patienten sinnvoll sein kann.

Fazit

Exilby ist kein CBD Öl und kein beliebiges Cannabisprodukt. Es ist ein verschreibungspflichtiges, THC-dominiertes Vollspektrum-Arzneimittel für eine klar definierte Form chronischer Rückenschmerzen.

Die Phase-III-Daten zeigen eine statistisch signifikante, im Mittel aber moderate zusätzliche Schmerzreduktion gegenüber Placebo. Im direkten Vergleich mit Opioiden waren die Unterschiede bei der Schmerzreduktion klein, während opioidtypische Verstopfung deutlich seltener auftrat. Gleichzeitig sind die bekannten Risiken von THC ernst zu nehmen.

Für die Cannabismedizin ist Exilby damit weniger eine Revolution als ein wichtiger Entwicklungsschritt: weg von pauschalen Aussagen über „Cannabis gegen Schmerzen“ und hin zu standardisierten Präparaten, klaren Dosen und belastbaren klinischen Daten.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der medizinisch-wissenschaftlichen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Exilby ist verschreibungspflichtig. Änderungen einer bestehenden Schmerz- oder Cannabistherapie sollten mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprochen werden.

Quellen

  1. Fachinformation Exilby® Flüssigkeit zum Einnehmen, Stand Mai 2026
  2. PatientenInfo-Service: Gebrauchsinformation Exilby®
  3. Karst M. et al.: Full-spectrum extract from Cannabis sativa DKJ127 for chronic low back pain – Phase-III-Studie, Nature Medicine 2025
  4. Meissner W. et al.: VER-01 compared with opioids in chronic low back pain – Pain and Therapy 2025
  5. Cochrane Review 2026: Cannabis-basierte Arzneimittel bei chronischen neuropathischen Schmerzen
  6. Gemeinsamer Bundesausschuss: Nutzenbewertungsverfahren Exilby
  7. Kassenärztliche Bundesvereinigung: Cannabisarzneimittel und Verordnungshinweise 2026
  8. Bundesgesundheitsministerium: Fragen und Antworten zur Erstattungsfähigkeit von Medizinalcannabis
  9. Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin: Preis- und Kostenübersicht zu Exilby, September 2026

FAQs

Was ist Exilby?

Exilby ist ein verschreibungspflichtiges Cannabis-Arzneimittel zum Einnehmen. Es enthält einen standardisierten Vollspektrumextrakt aus Cannabis sativa und ist auf 19 mg THC pro Milliliter eingestellt.

Bei welchen Schmerzen ist Exilby zugelassen?

Die Zulassung gilt für Erwachsene mit chronischen Schmerzen im unteren Rückenbereich mit radikulärer beziehungsweise neuropathischer Komponente, wenn Nicht-Opioid-Schmerzmittel nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden.

Ist Exilby ein CBD-Medikament?

Nein. Exilby ist deutlich THC-dominiert. Der in den Studien untersuchte Extrakt enthielt pro Dosiereinheit 2,5 mg THC, 0,1 mg CBG und nur 0,02 mg CBD. Die Studien sind deshalb kein Wirksamkeitsnachweis für handelsübliche CBD-Öle.

Wie gut wirkt Exilby gegen chronische Rückenschmerzen?

In der placebokontrollierten Phase-III-Studie sank die Schmerzintensität unter VER-01 nach zwölf Wochen im Mittel um 1,9 Punkte und unter Placebo um 1,4 Punkte. Der zusätzliche Unterschied betrug 0,6 Punkte auf einer Skala von 0 bis 10.

Ist Exilby besser als Opioide?

Im direkten Vergleich waren die Unterschiede bei der Schmerzreduktion klein. Über sechs Monate zeigte sich in der longitudinalen Auswertung ein leichter Vorteil für VER-01. Deutlich war der Unterschied bei Verstopfung: Diese trat unter dem Cannabisextrakt wesentlich seltener auf als unter Opioiden.

Welche Nebenwirkungen sind bei Exilby möglich?

Sehr häufig werden unter anderem Schwindel, Schläfrigkeit, Kopfschmerzen und Übelkeit beschrieben. Weitere mögliche Nebenwirkungen betreffen Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Kreislauf und Psyche. THC kann zudem bei wiederholter Anwendung zu Toleranz und Abhängigkeit beitragen.

Kann ich aus den Exilby-Studien auf CBD-Öl schließen?

Nein. Die Exilby-Studien untersuchten einen THC-dominierten Vollspektrumextrakt mit nur sehr geringer CBD-Menge. Aussagen über die Wirksamkeit von CBD-Öl bei Rückenschmerzen müssen auf eigenen CBD-Studien beruhen.

Wird Exilby von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt?

Exilby ist grundsätzlich Teil des regulären Arzneimittelsystems. Das AMNOG-Nutzenbewertungsverfahren läuft seit September 2026; die endgültige Nutzenbewertung und der spätere Erstattungsbetrag stehen derzeit noch aus.

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